Artikelausdruck von Freestyle Gießen


Handball:
(TV 1905 Mainzlar e.V.)

Vom Feindbild zum Feuerwehrmann

Die Mimik, die Gestik, die Wutausbrüche - alles ist so, wie es immer war. Jürgen Gerlach tobt, Jürgen Gerlach schimpft, Jürgen Gerlach leidet - so, wie er das stets getan hat, wenn er als Trainer des TV Lützellinden an der Seite stand. Nur dass der einstige Handball-Meistercoach nicht mehr die Gießenerinnen coacht, sondern am Samstag als neuer Trainer des mittelhessischen Erzrivalen TV Mainzlar sein Debüt in der Zweiten Bundesliga gab.
Zahlreiche nationale und europäische Titel hat der 59-Jährige mit Lützellinden geholt. Die Mittelhessinnen waren die Nummer eins, bis sie 2004 aus finanziellen Gründen die Bundesliga-Lizenz nicht mehr erhielten und mittlerweile sogar aus der Bezirksoberliga zurückgezogen haben. Jetzt, nachdem er zuletzt unter anderem die A-Jugend des TV Lützellinden gecoacht hatte, ist Gerlach wieder da. Dass er seine Bundesliga-Rückkehr aber ausgerechnet als Trainer des TV Mainzlar feiert, ist eine Sensation.
Ausgerechnet Mainzlar, der ungeliebte Nachbar, der in Lollar residiert, nur ein paar Kilometer von der Gießener Sporthalle Ost entfernt, der Heimstätte des TV Lützellinden, holte den Orthopäden als Nachfolger für den unter der Woche geschassten Iljo Duketis. Ausgerechnet jenen Klub soll Gerlach vor dem drohenden Abstieg in die Drittklassigkeit retten, für den er selbst nie mehr als ein spöttisches Lächeln übrig hatte. Das, was noch vor einigen Jahren als undenkbar galt, wurde am Samstag Wirklichkeit. Und als ob die versammelte mittelhessische Handballgemeinde sich mit eigenen Augen überzeugen wollte, ob das Unmögliche wirklich möglich ist, strömten die Massen zum Spiel gegen die TuS Metzingen in die Halle und ließen keinen Sitzplatz mehr frei. 400 Zuschauer zählte der ehemalige langjährige Vorsitzende Karl-Friedrich Zecher - Saisonrekord. "Die Reizfigur Gerlach hat uns die Halle gefüllt", so Zecher.
Die Zuschauer mussten allerdings erleben, dass der Doc, wie der Orthopäde Gerlach auch genannt wird, kein Wunderheiler ist. Hielten die Mainzlarerinnen am Anfang noch gut mit, ging ihnen später die Puste aus. Mit 27:37 (16:14) verloren sie das Spiel. Gerlach, so viel ist klar, steht noch eine Menge Arbeit ins Haus, möglich, dass der eine oder andere Neuzugang noch geholt wird.
"Mir war vorher sicherlich mulmig"
"Wir haben enorme Defizite in Deckung und Konterspiel, aber die Mannschaft hat Charakter bewiesen", sagte der Coach, der sich vor der sportlichen Analyse übers Hallenmikro in hoher Diplomatie versuchte: "Ich möchte mich bedanken, dass Sie mich so freundlich aufgenommen haben, das war sehr fair vom Publikum. Mir war vorher sicherlich mulmig." Das ist freilich nur zu verständlich. Galt doch der Trainer, fachlich unumstritten, menschlich aber nicht, als Feindbild Nummer eins in Mainzlar. Für viele Anhänger wird er das auch bleiben. So sollen nach Bekanntgabe der Verpflichtung vereinzelt Dauerkarten zurück gegeben worden sein. Die Diskussionen, ob der einstige Lieblingsfeind angesichts der desolaten Lage der Mainzlarerinnen verpflichtet werden soll, seien auch hart geführt worden, bestätigt Zecher: "Jeder von uns musste bis zu einem gewissen Grad über seinen Schatten springen. Die einen mehr, die anderen weniger." Am Ende haben wohl die Stimmen überwogen, die Gerlach als Einzigen sahen, der die Karre noch aus dem Dreck ziehen kann. Wobei die Mainzlarer Entscheidungsträger bei einem Engagement Gerlachs, neben der Sicherung des mittelhessischen Handball-Standortes, auch die Möglichkeit im Blick hatten, den Kader mit Talenten aus der A-Jugend des TV Lützellinden zu ergänzen.


Autor: sapl
Artikel vom 19.01.2006, 07:29 Uhr

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